Die Säulen des Spiels


I. Melodiespiel


Die Melodie ist die Seele eines Musikstücks. Wer melodische Elemente nicht auf dem Instrument abbilden kann und sich nur in Griffmustern bewegt, dem fehlt ein wesentlicher Teil des Gesamtbildes. Akkorde richten sich nach der Melodie und legen ihr den Teppich aus. Für ein gutes Begleitspiel muss man die Rolle des Sänger oder des Melodieinstrumentes verstanden haben. Auch eine Basslinie ist eine Melodie, Akkorde bewegen sich in melodischen Linien, wenn wir sie linear verstehen...


Kannst du eine einfache Melodie wie 'Happy Birthday' fehlerfrei nachspielen?


II. Begleitung


Egal ob wir es Liedbegleitung, Rhytmusgitarre oder Comping nennen. Vom sozialen Aspekt ist das Begleitspiel vielleicht die wichtigste Funktion der Gitarre, die gleichzeitig sehr gut zu transportieren ist und doch einen vollen Klang hat. Viele von uns haben angefangen die eigene oder andere Gesangsstimmen zu begleiten, oder wir wollten in einer Band spielen. Liedbegleitung ist facettenreich, sehr abhängig vom Genre:

  • Offene und verschiebbare Akkorde

  • Flüssiges, sicheres Strumming

  • Pianistische Techniken, Travis Picking

  • Akkordbrechungen, Akkordumkehrungen

  • Puls, Metrum, Rhythmik

  • Kontextbezogenes Spiel

  • Stimmführung, Basslinien

  • Groove, Time-Feel u.v.m.

Kannst du einen einfachen Popsong aus dem Radio nach Gehör begleiten?


III. Fingerstyle


AKA Sologitarre: Bass, Harmonie und Melodie werden gleichzeitig in unterschiedlicher Komplexität wiedergegeben.

Von Klavierstücken sind wir es gewohnt, dass alle wesentlichen Merkmale eines Stückes wiedergegeben werden. Wer anfängt Gitarre zu spielen macht die Erfahrung, dass vielen Stücken der Wiedererkennungswert fehlt, wenn niemand zur Akkordbegleitung singt. Nur die Melodie zu spielen, kann wiederum eindimensional oder dünn klingen. Die Gitarre ist keine Violine oder Trompete, gerade unverstärkt hat die Gitarre als Melodieinstrument auch ihre Grenzen.

Ein einfaches Akkordsolo (Chord Melody) nach Gehör zu arrangieren, ist für mich der erste Schritt in Richtung mittleres und gehobenes Spielniveau. Die gleichzeitige Kontrolle von Bass, Harmonie und Melodie hat eine große musikalische Tragweite. Wer Melodien nicht durch die dazugehörigen Harmonien versteht, hat massive Nachteile einzelne Parts rauszuhören oder selbst zu schreiben.

Schüler die mit klassischem Repertoire beginnen, spielen im Prinzip schon 'Fingerstyle' - weil die Gitarre hier als Soloinstrument (im Sinne von unbegleitet) gilt. So wie klassische Gitarre unterrichtet wird, fehlt vielen Schülern allerdings leider das musikalische Verständnis: Sie lesen und spielen die Noten, erkennen dabei aber keine Akkorde, Melodie oder Tonart. Es fehlt an musikalischer Selbstständigkeit, obwohl die technischen Grundlagen eigentlich vorhanden sind.


Angenommen du kannst 'Happy Birthday' nachspielen. Findest du die passenden Akkorde und spielst sie gleichzeitig zur Melodie?


IV. Improvisation


Improvisation ist für mich die höchste Form des Musikmachens, so wie Komponieren in Echtzeit. Angefangen vom Verzieren einer Melodie, der leichten Abwandlung von einem Riff. Über einen 12 Bar Blues mit drei Akkorden, modale Konzepte mit wenig harmonischer Bewegung. Bis hin zu komplexen Akkordfolgen, Chromatik, Akkordsubstitutionen. Das spielerische Umgehen mit musikalischem Material im Allgemeinen ist mir wichtig – improvisatorisches Üben eine Herausforderung.


Kannst du frei über einen Blues spielen, wie sieht es bei 'Autumn Leaves' aus?